SOZIALES SCHAUFENSTER

Was Corona für karitative Organisationen bedeutet

„Die Notversorgung sicherstellen“

Verschiedene karitative Einrichtungen versuchen derzeit zumindest den Notbetrieb aufrechtzuerhalten. Während die Tafel aktuell wieder etwas verschnaufen darf, fahren Drugstop und andere Organisationen ihre Angebote in vielen Teilen herunter.

Auch Hilfsbedürftige sind von der Corona-Pandemie stark betroffen. Symbolfoto: Wikimedia Commons

Die Corona-Pandemie bleibt das beherrschende Thema. Rettungsmaßnahmen für Konzerne, Kleinunternehmer und Freiberufler werden aufgezogen und auch erste Überlegungen wie Minijobern geholfen werden kann, existieren. „Es gibt Hoffnung“, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier in der aktuellen „Hart aber Fair“-Sendung. Der CDU-Politiker versucht Mut zu machen. „Wir haben so viele Reserven, dass wir versprechen können, alles zu tun, damit kein Arbeitsplatz und kein gesundes Unternehmen wegen Corona verloren geht und schließen muss.“

Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ist derzeit vor allem in der Rolle des Krisenmanagers unterwegs und hat vor vier Tagen Soforthilfen für Selbstständige in Höhe von zehn Milliarden Euro verkündet. Doch es gibt noch weitere Mitmenschen, die von all diesen Hilfen nichts bekommen werden und für die „die Pandemie zur Existenzfrage“ wird, wie es Geli Tangermann in der Welt schreibt. Die Journalistin berichtet, dass Obdachlose in Hamburg mittlerweile um ihre Grundhygiene fürchten, da immer mehr Angebote wie Duschen geschlossen werden. „Während man sich in der gesamten Republik im Akkord die Hände wäscht, bangen andere um ihre Grundhygiene“, so Tangermann.

Soweit soll es zumindest in Regensburg nicht kommen. „Wir versichern, dass das Amt für Soziales alles mögliche unternehmen wird, um eine ganztägige und vollumfängliche Betreuung der Obdachlosen auch während der Krisenzeit sicherzustellen“, teilt Dagmar Obermeier-Kundel von der Pressestelle der Stadt mit. Die erst im vergangenen Herbst neu eröffnete Einrichtung UfO wird durchgehend geöffnet bleiben.

Trotz Mindestabstand – im UfO ist genügend Platz

Je nach Entwicklung der aktuellen Situation müsse das soziale Angebot allerdings eingeschränkt werden. „Unser Ziel ist es in jedem Fall einen Notbetrieb aufrechtzuerhalten und eine Notversorgung sicherzustellen.“ Dabei werde sehr darauf geachtet, dass der empfohlene Mindestabstand im UfO eingehalten wird. „Auch bei einer höheren Belegung wäre genügend Platz vorhanden, beispielsweise durch neu hinzugekommene Betten im dritten Stock, um diese Abstandsregelungen einhalten zu können“, erklärt Obermeier-Kundel. Der Aufbau eines zusätzlichen Unterstützungsangebotes sei allerdings aufgrund der momentanen Situation nicht möglich. Die Unterbringung habe Vorrang.

Für Drugstop Regensburg ist es ebenfalls eine Arbeit unter erschwerten Bedingungen. Normalerweise sind die Sozialarbeiter hier in engem Kontakt mit drogengebrauchenden Menschen. Selbsthilfegruppen, Beratungsgespräche, Freizeitangebote und Spritzentausch sind nur einige Angebote von Drugstop. Nun müssen auch diese heruntergefahren werden. Wie die Geschäftsleiterin Evelyn Strobel mitteilt, sollen ab sofort täglich zwischen 10 und 12 Uhr Care-Pakete und hygienische Konsumutensilien im Bereich der Albertstraße verteilt werden. „Außerdem ist von Montag bis Freitag zwischen 11 und 15 Uhr eine Notfallberatung am Telefon eingerichtet.“ (Streetwork: 0176 459 952 44 
oder AKUT: 0176 473 670 18)

Caritas befindet sich im Krisenmodus

Doch letztlich stehen die karitativen Einrichtungen derzeit mit vielen Fragen da. Seit kurzem hat die Regensburger Obdachlosenhilfe Strohhalm aufgrund der Pandemie geschlossen. Deshalb springt nun die Caritas ein. Von der Fürstlichen Notstandsküche werden normalerweise nur Personen versorgt, die einen Berechtigungsschein haben. „Mittlerweile können bei uns auch alle anderen mittags eine warme Mahlzeit bekommen“, so Harry Landauer, Sprecher des Diözesan-Caritasverbandes auf Nachfrage. „Caritas ist Dienst am Menschen“, gibt Landauer zu verstehen. Und das sei natürlich wörtlich zu verstehen.

Derzeit gelte es die Versorgung der Bedürftigen aufrechtzuerhalten und das laufe aktuell auch recht gut. Tatsächlich könne man die Kapazitäten auch noch erhöhen. „Wir hoffen natürlich, dass das ganze doch in absehbarer Zeit überstanden ist. Täglich gibt es einen Krisenstab mit einem Lagebild aus allen Abteilungen.“

Harry Landauer: „Versorgung muss sichergestellt werden.“ Foto: Caritas Regensburg

Was jedoch im Falle einer umfangreichen Ausgangssperre passieren wird, das sei derzeit die große Unbekannte. „Wir befürchten schon, dass wir dann nicht mehr in die Küchen könne.“ Im Zweifel müsste über Lunch-Pakete gearbeitet werden. Die persönliche Beratung wurde bereits vollständig auf Telefon und Internet umgestellt. „Insgesamt scheinen alle Betroffenen bisher gut klarzukommen und zeigen Verständnis“, lautet Landauers Fazit.

Campus Asyl hat sich vorerst zurückgezogen

Vorerst zurückgezogen hat sich Campus Asyl. „Wir beschränken uns gegenwärtig darauf, Informationen über unsere internen Kanäle und über unsere Facebook-Seite zu verbreiten. Weitergehende Aktivitäten überlassen wir den offiziellen Stellen“, teilt Geschäftsführer Björn Reschke mit. Die Regierung der Oberpfalz – zuständige Instanz für die Geflüchtetenunterkünfte, die Erstaufnahmeeinrichtung und das ANKER-Zentrum – versichert: „Aufklärung ist in den Geflüchtetenunterkünften immer das oberste Gebot. Derzeit natürlich noch mehr als bislang“, so Pressesprecherin Kathrin Kammermeier.

Über illustrierte Aushänge werden die Menschen in den Unterkünften informiert. Quelle: Regierung der Oberpfalz

„Das gilt zum einen für die Aufklärung der Bewohnerinnen und Bewohner über die derzeitige Situation und die damit verbundenen Maßnahmen der Staatsregierung. Genauso gilt es für die Aufklärung über notwendige Verhaltensregeln.“ Über zum Teil illustrierte Aushänge sollen die Menschen in den Unterkünften, genauso wie die restliche Gesellschaft informiert werden, wie man sich richtig die Hände wäscht oder wann zum Beispiel eine ärztliche Abklärung erforderlich ist. „Speziell im ANKER-Zentrum werden sie zudem durch die Beschäftigten und den kurativen Arztbereich informiert und beraten, in den Gemeinschaftsunterkünften und Übergangswohnheimen durch Heimleitung und Hausmeister.“

Forderungen vom Bayerischen Flüchtlingsrat

Der Bayerische Flüchtlingsrat fordert unterdessen Innenminister Joachim Herrmann dazu auf, die Handlungsspielräume, die der ausgerufene Katastrophenfall der Politik derzeit gibt, nun auch dringend zu nutzen. „Die mit Flüchtlingen befassten Behörden handeln völlig unterschiedlich und stiften große Verwirrung“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des Flüchtlingsrates.

„Während die einen Ausländerbehörden den Publikumsverkehr komplett einstellen und Ausweisdokumente per Post zuschicken, finden andernorts noch persönliche Vorsprachen statt. Während das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weiter Ablehnungsbescheide in Asylverfahren verschickt, schließen die Außenstellen der Gerichte in ANKER-Zentren, so dass die Betroffenen nicht mehr gegen die Ablehnung klagen können. Während einzelne Betroffene aus der Abschiebehaft entlassen werden, sitzen weitere Flüchtlinge immer noch in den Gefängnissen.“

Jetzt sei eine klare Ansage aus dem Innenministerium an die nachgeordneten Behörden geboten, um auch für die Geflüchteten die Bürokratie abzubauen und Verlängerungen der Antragsfristen zu gewähren. Denn: „Der Schutz des Lebens aller Menschen unabhängig von Staatsangehörigkeit und Aufenthaltsstatus ist jetzt oberstes Gebot der Stunde. Es darf nicht sein, dass Flüchtlinge durch inkohärentes Behördenhandeln Nachteile erleiden“, erklärt Alexander Thal, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats. „Wenn Asylanträge abgelehnt werden, die betroffenen Flüchtlinge aber aufgrund geschlossener Behörden dagegen faktisch nicht klagen können, steht der Rechtsstaat auf dem Spiel!“

Positive Entwicklungen bei der Tafel

„Gott sei Dank ist Regensburg eine Studentenstadt“, sagt Christine Gansbühler. Foto: Regensburger Tafel

Am Montag hatte die Tafel einen ersten Hilferuf veröffentlicht. Normalerweise sind ein Großteil der Ehrenamtlichen über 65 Jahre. Da diese zur Risikogruppe gehören, wurde um die Hilfe von jungen Menschen, vor allem Studierenden gebeten. Christine Gansbühler ist im Vorstand der Regensburger Tafel aktiv und überwältigt von der vielen Unterstützung die seit Tagen geleistet wird. „Uns ist das Herz aufgegangen, als sich in kürzester Zeit so viele Menschen gemeldet haben.“ Derzeit gebe es sogar eine Warteliste, auf der sich Helfer weiterhin eintragen können. „Niemand kann abschätzen, wie lange sich das ganze hinziehen wird. Deshalb wollen wir auch für die kommenden Wochen Leute haben, die dann eventuell noch einspringen können.“

Überrascht war man bei der Tafel auch über die vielen Lebensmittelspenden. Auch hier hatte die Tafel einen Hilferuf abgeschickt, als noch vergangenen Freitag aufgrund von Hamsterkäufen plötzlich die Lieferungen an die Tafel ausblieben. „Ich glaube wir haben eine ganze Menge Regensburger wachgerüttelt.“ Neben privaten Spendern seien in den vergangenen Tagen auch viele Gastronomiebetriebe auf sie zugekommen. „Die haben derzeit natürlich viele Lebensmittel über. Davon profitieren wir nun leider“, sagt die ehemalige Schleckerangestellte.

Man müsse nun versuchen weiter positiv voranzuschreiten und sich gleichzeitig auf weitere Maßnahmen, wie Ausgangssperren vorbereiten. „Vorbeugen ist besser als bohren“, das habe ihr Zahnarzt immer gesagt.

Harry Landauer appelliert derweil an den Zusammenhalt in der Gesellschaft und auch innerhalb des eigenen Betriebes. „Für die Pflegerinnen und Pfleger ist das momentan eine große Belastung. Die sind ganz vorne dran.“ Bisher sei der Zusammenhalt spürbar. „Der Spirit ist da. Der muss nun aufrechterhalten werden.“

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Kommentare (3)

  • Eingeborener

    |

    Der Artikel wird der bedrohlichen Situation dieser Menschen nicht gerecht.
    Wesentlich klarer der (auch im Internet lesbare) Artikel in der heutigen MZ „Corona: Grosses Problem für Bedürftige“.

  • Beobachter

    |

    Das Coronavirus stellt eine globale Bedrohung dar und betrifft so auch jeden ein-zelnen von uns. Wir alle sind der Gefahr ausgesetzt infiziert zu werden. Jeder muss, nicht nur als Selbstschutz, sondern auch zum Schutz seiner Mitmenschen alles ihm zumutbare unternehmen, um nicht infiziert zu werden, bzw. um nicht andere zu infizieren.
    Menschen ohne Unterkunft, oft auch noch fehlernährt und nicht bei bester Ge-sundheit. waren bereits vor der „Corona-Zeit“ einem erhöhten Risiko von Erkran-kungen ausgesetzt. Es ist unausbleiblich, dass sich deren Situation durch die aktu-elle Pandemie noch einmal verschlechtert.
    Schon in „normalen“ Zeiten gab es so gut wie keine Bürger, die in der kalten Jah-reszeit einen Menschen ohne Unterkunft in ihre Wohnung aufgenommen hätten. Das ist jetzt unter dem Aspekt der Ansteckungsgefahr erst recht nicht zu erwarten. Abgesehen davon, stünde wohl auch die aktuelle Ausgangsbeschränkung, derzu-folge die physischen und sozialen Kontakte zu anderen Menschen außerhalb der Angehörigen des eigenen Hausstands auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzie-ren sind, entgegen.
    Auch in diesen schwierigen Zeiten duckt sich die Stadt Regensburg nicht einfach weg und schließt ihre Pforten, so wie es anderenorts zu beobachten ist, sondern hält ihr Angebot an Unterbringungsmöglichkeiten für obdachlose Menschen nach wie vor bereit.
    In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Beschäftigten der Stadtverwaltung, die mit der Betreuung dieser Menschen befasst sind, trotz des ho-hen Infektionsrisikos, für ihre Mitbürger da sind. Auch diesen Arbeitnehmern ge-bührt derselbe Respekt, der allen Arbeitnehmern entgegengebracht wird, die an der „Coronafront“ für den Schutz der Allgemeinheit kämpfen.

  • Hansemann

    |

    Anregung für die Stadt Regensburg, die verantwortlichen Politiker etc.
    Es kann doch möglich sein, dass man z. B.: die Öffnungszeiten für den Einkauf von Lebensmittel für die „Alten“ betagten Regensburger so einteilt, dass man sagt von 7.00 Uhr bis 9.00 Uhr dürfen nur diese Altersgruppe zum Einkaufen gehen.
    Die Tschechien praktizieren das zum Beispiel.
    Vielleicht ist es Ihnen möglich, dies weiterzutragen an die Politiker unserer Stadt, an die Unternehmer und der Bevölkerung weiterzutragen.
    Danke.

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