SOZIALES SCHAUFENSTER

Gastronomen vor leeren Stühlen

“Einen zweiten Shutdown überlebt keiner von uns.”

Rund 50 Vertreter von Gastronomie und Hotelbranche versammelten sich am Freitagnachmittag unter dem Motto „Für den Erhalt der Vielfalt der Gastronomie und Hotellerie in Regensburg und ihrer schönen Region“ auf dem Haidplatz . Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer zeigte für die geäußerten Ängste und Sorgen viel Verständnis. Die Stadt habe aber nur engen Spielraum, um Hilfe zu leisten.

“Lasst uns nicht so enden.” Mit einem verrotteten Piraten illustrieren die Gastronomen ihre Forderungen. Fotos: Bothner

„Ich halte die Gastronomie für systemrelevant.“ Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer bekräftigt am Freitagnachmittag auf dem Haidplatz noch einmal ihre Aussage, die sie bereits vor einigen Wochen gemacht hatte. Doch diesmal steht sie dabei vor etwa 50 Vertretern der hiesigen Gastronomie und Hotelbranche. Auf Betreiben von Karl von Jena (Café Anna), Kathrin Fuchshuber (Hotel Münchener Hof), Florian Mascarello (Dechbettener Hof) und Karin Griesbeck (Alte Filmbühne) wollen die rund 500 Betriebe in Regensburg auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen. Denn auch wenn ab Mitte Mai Gaststätten unter gewissen Auflagen wieder öffnen dürfen, sei damit noch nichts gewonnen.

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Die Öffnung der Freisitze bringt nur wenig

Ab dem 18. Mai dürfen Außenbereiche von Speiselokalen wieder bis 20 Uhr öffnen. Ab dem 25. Mai sollen dann auch Innenbereiche wieder genutzt werden können. Und ab dem 30. Mai plant die Bayerische Staatsregierung dann die Öffnung der Hotels. Dennoch sehen viele die Gastronomie weiterhin zu wenig berücksichtigt, es fehlten konkrete finanzielle Hilfsmaßnahmen. Einer der Anwesenden erklärt am Rande der Veranstaltung etwa, dass die Öffnung der Freisitze letztlich bei vielen nicht einmal die Unkosten decken werde. „Mit einem Viertel meines normalen Umsatzes kann ich nicht überleben.“ Aufgeschobene Zahlungen und sich damit anhäufende Schulden würden die Situation zudem verschärfen.

Während einige Branchenvertreter vor dem Brunnen am Haidplatz über die Situation aufklären stehen, flankieren leere Stühle das Bild. Sie sollen die leeren Lokalitäten repräsentieren. In der Mitte ist eine Tafel aufgebaut und auch eine Theke befindet sich vor Ort. Diverse Schilder stehen stellvertretend für einige der Wirtshäuser und Kneipen oder für das, was man dort eben so mache – “Tanzen”, “Hochzeit”, “Diskutieren”. Auf einem Schild, das ein zum Skelett verrotteter Pirat festhält, ist zu lesen: „Lasst Kneipenbesitzerinnen, Clubbesitzerinnen und Veranstalterinnen nicht so enden.“

“Wir 50 stehen hier für rund 500 Regensburger Betriebe.”

„Wir beleben die Stadt“, bekräftigt Kathrin Fuchshuber die wichtige Stellung ihrer Branche. „Wir sind Anlaufstelle, Gerüchteküche, das Gesicht von Regensburg.“ Das dürfe nicht vergessen werden. Sie appelliert aber auch an die Gäste. „Wir brauchen nun auch Ihre Achtsamkeit und Ihr Verständnis. Denn einen zweiten Shutdown überlebt von uns keiner.“

„Hier stehen wirkliche Hygienprofis vor Ihnen.“

Dabei brauche man erst einmal keine Angst haben, sich in den Gaststätten anzustecken, wie Mascarello erklärt. „Hier stehen wirkliche Hygienprofis vor Ihnen.“ Nirgendwo gäbe es solch hohen Hygienstandards wie in der Gastronomie. Und darauf werde nun natürlich umso stärker geachtet. Die ab dem 18. Mai geltenden Lockerungen wären ein wichtiger erster Schritt, freut sich Mascarello. „Doch zahlreiche Kollegen, die zum Beispiel Bars betreiben, haben weiterhin keine Perspektive. Auch die Senkung der Mehrwertsteuer für Speisen auf sieben Prozent hilft den Bars natürlich überhaupt nicht.“

Hier müsse die Politik endlich konkret werden und handeln. Sonst drohten am Ende zahlreiche Schließungen und das beträfe in der Folge nicht nur die Gewerbetreibenden. Auch Bäckereien, Metzgereien und Gemüsehändler seien als Lieferanten betroffen und insbesondere auch die vielen Angestellten. Wie Jena, Betreiber des Café Anna, erklärt „sind in der Gastronomie und Veranstaltungsbranche 25 Prozent mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte tätig als in der von der Politik oft hofierten Autoindustrie“. Wut, Verzweiflung und Existenzangst. Mit diesen Worten beschreibt Jena dann auch die derzeitige Stimmung unter den Regensburger Gastronomiebetrieben und Hoteliers.

“Bars, Restaurants und Diskotheken heben uns ab von der bloßen Existenz.”

Trotz der sehr kurzfristigen Planung der Aktion lässt es sich auch die Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer nicht nehmen, vor Ort zu sein und den Forderungen der Gaststättenbetreiberinnen zuzuhören. Es seien gerade „die vielen Bars, Restaurants und auch Diskotheken, die uns abheben von bloßen Existenzen. Es ist das gesellschaftliche Leben und das Miteinander, das uns als Menschen ausmacht.“ Die Politikerin spricht damit den Anwesenden offenbar aus der Seele. Es gibt viel Applaus.

Der Forderung nach einer Ausweitung der Freisitze erteilt die Oberbürgermeisterin eine klare Absage. “Das wäre grob unfair.” Foto: bm

Maltz-Schwarzfischer stellt aber auch klar, dass der Stadt Grenzen gesteckt seien und nicht alle geforderten Maßnahmen tatsächlich auch in Erwägung gezogen würden. So sei etwa eine Ausweitung der Freisitze schon allein aus Fairnessgründen schwer um zusetzen. „Viele Betriebe haben überhaupt keine Freiflächen und diese wären dadurch stark benachteiligt.“ Auch der komplette Erlass von Sondernutzungsgebühren oder gar der Gewerbesteuer sei allein schon rechtlich nicht möglich. „Wir sind aber bereits in der Ausarbeitung einer Vorlage für den Stadtrat, in der die Senkung dieser Gebühren gefordert wird.“ Und auch bei der bereits geschehenen Stundung der Gewerbesteuer wolle man alle Möglichkeiten ausschöpfen und „möglichst flexibel sein“.

Wie schwierig die kommunale Unterstützung für Unternehmen und Freischaffende ist, zeigte zuletzt der gescheiterte Versuch für einen städtischen Hilfsfonds für Kulturtreibende. Der von vielen Anwesenden geforderte Rettungsfonds für die Gastronomie ist letztlich Ländersache.

Vieles unbeantwortet, vieles unklar

Neben den finanziellen Hilfen fordert Jena vor allem eines: „Wir brauchen einen klareren Fahrplan für die nächsten Wochen. Denn aktuell kennen wir die genauen Regularien für die Wiedereröffnung noch nicht.“ Vieles sei unklar. „Wie groß muss der Abstand zwischen den Tischen sein? Wie viele Personen dürfen daran Platz nehmen?“, fährt Jena fort. Doch genau die Antworten auf diese Fragen seien essentiell notwendig. Und deshalb sei man eben heute hier.

 

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Kommentare (11)

  • Gregor

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    Mir tut es für unsere Gastronnomen unsäglich leid. Sie tragen wesentlich bei zu Sozialleben, Lebensfreude, Genuß und einem gewissen Flair.
    Es stellt sich mir auch die Frage, ob die Gäste denn auch wirklich kommen und genießen wollen bei solchen Szenarien, wie sie aufgrund der Vorschriften entstehen.
    Die einen haben weiterhin Angst vor Viren, die anderen erkennen wenig Wohlfühlflair in einem sterilen Hygienesetting.

  • highwayfloh

    |

    Ich persönlich halte die Schlagzeile für sehr gewagt und überdenkenswert, welche da die Initatioren bei allem Verständis für Ihre Belange ausgerufen haben. Denn: die Menscheit hat schon mehr erlebt und – gottseidank – überlebt … sonst wären wir nicht hier und könnten uns nicht virtuell die Köpfe gegenseitig einschlagen… .

  • auch_ein_regensburger

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    „Einen zweiten Shutdown überlebt keiner von uns.“ Diese sprachlichen Übertreibungen könnte man sich auch mal sparen. Niemand aus den Reihen der verehrten Regensburger Gastronomen wird sein Leben verlieren, wenn er seine Kneipe zusperren muss.

  • Gregor

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    Es ist doch im Kontext völlig klar, dass mit Überleben das wirtschaftliche Überleben gemeint ist. Das halte ich für ein sehr legitimes Anliegen.
    Ein rein physisches Überleben ohne Persepektiven reduziert Menschen ja quasi auf ihre biologische Funktion, und ein Bedürfnis auch nach Lebensqualität ist meines Erachtens etwas sehr Elementares.

  • David Liese

    |

    Ich bin froh, dass sich hier in der Kommentarspalte offensichtlich geballte ökonomische Kompetenz befindet, die genau weiß, was die Gastronomen als Betriebe (und darum geht es hier) „überleben“ und was nicht. Stehen Sie doch einem der Wirtinnen und Wirte beratend zur Seite, dann kommen sie sicher durch die Krise.

    Man muss sich das Mosern schon auch leisten können.

  • Mr. T.

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    Ganz so verharmlosen würd ich das nicht. Wenn nur eine(r) von 1000 der fälschlichen Annahme unterliegt, ein Suizid wäre die Lösung zum Beenden ihrer/seiner Probleme, wäre es sehr bedenklich. Und es ist zu befürchten, dass so etwas passiert wenn Existenzen den Bach runter gehen. Zu kritisieren ist eher der “zweite Shutdown”. Zum einen ist das kein Shutsown, sondern es sind Auflagen, die viele Menschen daran hindert, ihrem Geschäft nachzugehen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen, zum anderen ist es Unsinn von “zweitem” zu sprechen, solange die ursprüngliche Sache noch voll im Laufen ist und für viele auch noch kein Ende abzusehen ist. Erste gastronomische Betriebe haben vielleicht schon eine Perspektive einen Bruchteil ihres normalen Umsatzes zur Schadensbegrenzung zu erwirtschaften, mehr ist aber auch noch nicht passiert.

  • KW

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    Es gibt sicher eine Menge Gastronomen in Regensburg die wirklich massive Probleme haben.
    Ob jetzt ausgerechnet die Fuchshuberin oder der Inhaber des Anna dazugehören mag zumindest angezweifelt werden.
    Der Grundtenor des Artikels ist natürlich richtig.

  • R.G.

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    “Niemand aus den Reihen der verehrten Regensburger Gastronomen wird sein Leben verlieren, wenn er seine Kneipe zusperren muss.”
    Der Großteil wird verschuldet enden.
    Armut erhöht die Gefahr, deutlich früher zu sterben, Armut mit Verschuldung die Suizidhäufgkeit.
    Hören wir einander aufmerksam zu, wie sich die Erfahrung des in Wirklichkeit Nichtvorhandengewesenseins von (Planungs-) Sicherheit auswirkt.
    Was fühlen die Menschen?
    Wir haben es verlernt, zu trösten.

  • highwayfloh

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    Bemerkenswert ist auch,

    dass der Inhaber der “Quetschn” sich gerade _jetzt_ NICHT mehr zu Wort meldet, obwohl dieser bezüglich der Baustelle am Schopperplatz immer eine “Benachteiligung” lammentiert hat. Hierbei ist aber anzumerken, dass während dieser Zeit der “Goldene Ochse” keine Nachteile gehabt hat und immer gut besucht war (aus eigener Erfahrung).

    Weiterhin müssten die Betreiber der “historischen Wurstkuchl” auch schon die “weise Fahne” gehisst haben, denn diese – leider zur absoluten Touristenfalle – verkommene Gastronomie-Einrichtung ist absolut auf 0% was den Umsatz anbelangt, denn echte Regensburger, die noch die _alte_ historische Wurstkuchl kennen, tun sich diese gewiss nicht mehr an, mit den dortigen Preisen.

  • Ewald

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    Vielleicht sollte man bei den Gasthäusern, Discos, Freiluftkonzerten usw. mal neu nachdenken. Vor ein paar Jahren konnte man sich das System Amazon auch noch nicht vorstellen. Mittlerweile hat der Handel mühsam dazugelernt!
    In Regensburg wurde in den letzten Jahren aber durch die Politik und Tourismus viel kaputt gemacht.

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