Weiteres Missbrauchsopfer meldet sich zu Wort

Bistum im „Stadium der Kampfphase“

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Er habe „genug von dieser Institution“ und wolle „von diesen Typen“ aus dem Regensburger Ordinariat niemals mehr etwas hören“. Mit diesen unmissverständlichen Worten meldet sich ein weiterer ehemaliger „Domspatz“ zu Wort. Unserer Redaktion schildert er sein Leid als blutig geprügeltes Kind, sein Los als Opfer von sexuellen Übergriffen und seine Enttäuschung nachdem er sich 2010 bei der damaligen „Missbrauchsbeauftragten“ Dr. Birgit Böhm gemeldet hatte. Die Glaubwürdigkeit des Regensburger Bistums in Sachen Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch von Minderjährigen und Schutzbefohlenen scheint indes tiefer nicht mehr sinken zu können. Das es auch anders gehen könnte, zeigt ein Blick nach München und Ettal.

Zwei Bischöfe, gleiche Praxis: Sowohl unter Gerhard Luwid Müller als auch unter Rudolf Voderholzer findet keine systematische Aufklärung sexuellen Missbrauchs statt. Foto: Archiv/ as

Zwei Bischöfe, gleiche Praxis: Sowohl unter Gerhard Luwid Müller als auch unter Rudolf Voderholzer findet keine systematische Aufklärung sexuellen Missbrauchs statt. Foto: Archiv/ as

Anlässlich des ARD-Films von Mona Botros „Sünden an den Sängerknaben“ vom 7. Januar berichtet Franz M. (Name geändert) unserer Redaktion von seiner leidvollen Geschichte als „Domspatz“. Sowohl von den „brutalen Erziehungsmethoden“ als auch von den sexuellen Übergriffen. Beides musste Franz M. über Jahre hinweg am eigenen Leib erleiden. Nebenbei bestätigt er die Verhältnisse im Domspatzen-Internat: Es sei „wirklich so gewesen“, wie es in der ARD von Georg Auer, Udo Kaiser und Alexander Probst eindrücklich geschildert werde. Selbst einer seiner Peiniger wurde in der ARD-Doku kurz thematisiert, dessen Gerichtsakte von 1959 gezeigt.

Es handelt sich dabei um den ehemaligen Direktor des Domspatzen-Internats Friedrich Zeitler, der 1959 wegen „Unzucht mit Abhängigen“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die damalige Verurteilung beschränkte sich auf drei missbrauchte Domspatzen, die danach vermutlich vom Internat geworfen wurden. Als Nachfolger von Zeitler übernahm 1959 der katholische Priester Georg Zimmermann die Leitung von Internat und „Domspatzen“-Gymnasium – auch er war ein Serien-Missbrauchstäter, der in der ganzen Diözese sein Unwesen trieb.

Tatort: Kapelle der Dompräbende

Franz M. war Internatsschüler in der alten Dompräbende in der Orleanstraße 2a gewesen, bis er – wie alle anderen Zöglinge auch – aufgrund der Kriegsereignisse im Oktober 1944 nach Hause geschickt wurde. Seinen Angaben zufolge wurde er von Zeitler mehrfach sexuell missbraucht. Als Tatort nennt Franz M. die verschließbare Hauskapelle der Dompräbende. Zeitpunkt: nachts, nachdem er von Zeitler aus dem Schlafsaal geholt worden sei. Am Tag darauf wurde in ebendiesem Raum der allmorgendliche Gottesdienst gefeiert.

Nachts sexueller Missbrauch, morgens Gottesdienst: die Kapelle in der Dompräbende. Foto: privat

Nachts sexueller Missbrauch, morgens Gottesdienst: die Kapelle in der Dompräbende. Foto: privat

Der Theologiestudent Zeitler, seit Ostern 1939 Präfekt im Domspatzen-Internat, habe sich allerdings nicht nur an ihm vergangen. Franz M. gibt an, dass schätzungsweise 40 weitere Internatsschüler Zeitlers sexuelle Übergriffe erleiden mussten. Die meisten seien bereits verstorben. Die sexuellen Übergriffe seien nicht nur in der Kapelle des Internats geschehen, sondern auch auf Propagandareisen des Domchors für das NS-Regime, so beispielsweise nach Frankreich und Spanien.

Grundsätzlich wurden diese Angaben vom Täter selbst bestätigt. In seinem Geständnis anlässlich des Strafprozesses von 1959 räumt Zeitler ein, dass er 1941 auf der Propagandareise der „Domspatzen“ nach Spanien „Unzuchtshandlungen“ vorgenommen habe. Er gestand unter anderem, das Geschlechtsteil eines 13jährigen Domschülers „in wollüstiger Absicht“ abgetastet zu haben. Die sexuellen Übergriffe wurden für Zeitler „mehrere Jahre hindurch fast zur Gewohnheit, ja zur 2. Natur. Er hat die Jugendlichen (…) bis zu einem gewissen Grade methodisch und zielstrebig an sich fixiert“, führt das Urteil weiter aus.

Seine sexuellen Übergriffe in der Hauskapelle der Dompräbende in der Orleanstraße, in der seinerzeit auch der Domkapellmeister Theobald Schrems wohnte, verschwieg er allerdings im Strafprozess von 1959.

Die ehemalige Dompräbende in der Orleansstraße 2a. Foto: Werner

Die ehemalige Dompräbende in der Orleansstraße 2a. Foto: Werner

Strafrechtlich verfolgt wurde der Religionslehrer Zeitler erst 1958, als Eltern eines unbeteiligten Schülers Strafanzeige erstatteten (Mehr darüber.). Seit April 1957 war der römisch-katholische Priester Friedrich Zeitler Leiter des in der Reichsstraße neu errichteten Domspatzen-Internats.

Mantel des Verschleierns bis heute

Zum Hintergrund

Im März 2010, als sexueller Missbrauch und körperliche Misshandlungen in kirchlichen und weltlichen Einrichtungen wochenlang die Schlagzeilen bestimmten, fasste auch Franz M. den Entschluss, die Vorgänge bei der damaligen bischöflichen „Missbrauchsbeauftragten“ Birgit Böhm (verstorben 2013) und bei der Direktion der Domspatzen detailliert anzuzeigen. Nicht, um Geldleistungen zu erhalten, sondern der Aufklärung der Missstände wegen. Eine Antwort habe er nie erhalten.

Auch seine Schilderung der erlittenen brutalen körperlichen Misshandlungen blieb ohne Nachfrage und Konsequenz. Damals im ersten Stock der Dompräbende habe ihn, so Franz M., der Präfekt Gigler derartig zusammengeschlagen, dass er „aus Ohren und Mund blutete“. Der vorgebliche Grund für diesen Exzess: Er habe seine Schuhe „nicht ordnungsgemäß in den Schrank gestellt“. Der brutale Präfekt sei daraufhin weggelaufen und habe ihn in seinem Blut liegen lassen.

Nach dem Krieg hat Franz M. dennoch Musik studiert – noch heute ist sie das Lebenselixier des hochbetagten Herrn. Die Enttäuschung und Missachtung eines vielfachen Gewaltopfers, das nach der Schilderung seines Leids bei der „Missbrauchsbeauftragten“ und bei der Direktion der Domspatzen nicht ernstgenommen wurde, sitzt jedoch tief: „Ich will von diesen Leuten im Bistum nichts mehr wissen!“

Bemüht, die polierte Fassade aufrecht zu erhalten: Bistumssprecher Clemens Neck. Foto: Archiv/ as

Bemüht, die polierte Fassade aufrecht zu erhalten: Bistumssprecher Clemens Neck. Foto: Archiv/ as

Dass das Regensburger Ordinariat wegen seines schändlichen und kaum von Aufklärungsinteresse getragenen Umgang mit Betroffenen in einer existenziellen Glaubwürdigkeitskrise steckt, ist offensichtlich. Die Folgen für die eigenen strukturellen und menschlichen Defizite werden derweil auf dem Rücken von Missbrauchsopfern wie Georg Auer, Udo Kaiser, Alexander Probst oder Franz M. austragen. Aktuell betreibt man nach den unangenehmen Medienberichten über die ARD-Doku vor allem ein erbärmliches Krisenmamagent und versucht die polierte Fassade weiter aufrechtzuerhalten.

Strukturelle Missstände

Es ginge auch anders. Dies zeigt sich am Beispiel des Internats Kloster Ettal, wo in Zusammenarbeit mit externen Fachleuten, Internatsleitung und Betroffenen nach einem vertretbaren Umgang mit den Vorfällen gesucht wurde. Schon der umfassende Titel des externen Aufarbeitungsberichts – „Sexueller Missbrauch, psychische und körperliche Gewalt im Internat der Benediktinerabtei Ettal – Individuelle Folgen und organisatorisch-strukturelle Hintergründe“ deutet eine (selbst)kritische Herangehensweise an.

Als erhellender Vergleich würde sich auch das Vorgehen des bischöflichen Ordinariats des Erzbistums München-Freising anbieten. Dort sagte man einer externen Anwaltssozietät freien Zugang zu allen Akten zu und beauftragte sie im April 2010 strukturelle Missstände hinsichtlich „sexueller und sonstiger körperlicher Übergriffe“ ausfindig zu machen. Auch wenn der daraus entstandene Bericht sofort unter Verschluss genommen wurde, ist hier im Vergleich zu Regensburg eine Offenheit und Bereitschaft zur professionellen und kritischen Überprüfung der eigenen Praxis erkennbar.

Vernichtete Akten und Zahlenspiele

Anders in Regensburg. Im dortigen Ordinariat herrscht selbstbetrügerisches Aussitzen und selbstmitleidige Kritikunfähigkeit und bei der „Domspatzen“-Familie institutioneller Narzissmus vor. Wie krass die Unterschiede in der Bearbeitung der jeweils unrühmlichen Vergangenheit sind, zeigt sich deutlich im direkten Vergleich der Berichte der Ordinariate, die 2011 bzw. 2010 vorgelegt wurden.

Während die Kanzlei der Rechtsanwälte Westpfahl, Spilker und Wastl über 13.200 Akten der Erzdiözese München-Freising überprüfte und ihre scheußlichen Ergebnisse bereits im Dezember 2010 kritisch vorstellte und Konsequenzen anmahnte, meldete sich das Regensburg Ordinariat erst im März 2011 mit irreführenden und verdeckenden Zahlen zu Wort. Obwohl die Münchner Diözese nur etwa ein Sechstel mehr Priester und Diakone aufweist als die Regensburger (lt. Wikipedia: 1080 zu 916), hat die von Generalvikar Peter Beer beauftragte Kanzlei eine um ein vielfaches höhere Anzahl von Dokumenten ausgewertet: fast die sechsfache Menge (13200 zu 2315). Anders formuliert: In München wurde je Priester und Diakon fast das Fünffache an Akten gesichtet wie in Regensburg. Die relativ geringe Anzahl von Dokumenten dürfte mit Säuberung und Vernichtungen in noch größerem Umfang zu erklären sein.

Katholikentag 2014: Missbrauchte Domspatzen demonstrieren für Gerechtigkeit und Aufklärung.

Katholikentag 2014: Missbrauchte Domspatzen demonstrieren für Gerechtigkeit und Aufklärung.

Entscheidend kommt hinzu, dass man in den Münchner Akten generell nach Auffälligkeiten und Anzeichen auf sexuellen Missbrauch suchte – also auch bei denjenigen, bei denen keine strafrechtliche Verfolgung oder Verurteilung vorlag. Hierbei stellte sich heraus, dass die mutmaßliche Zahl von sexuellen Missbrauchstätern viel höher anzusetzen ist, als die gerichtlich verfolgten. Was nicht mehr verwundern kann, da die Ordinariate über Jahrzehnte bekanntlich nur wenige Vorfälle an die staatlichen Stellen übergeben hatten. Die Anzahl der Priestertäter ist aufgrund dieser genauen Aktenrecherche auf etwa das sechsfache (159 auffällige statt der 26 verurteilten Geistlichen) und die der Täter unter den Diakonen auf das fünfzehnfache anzusetzen. Da die Akten darüber hinaus unvollständig, geschönt, verstreut und oftmals vernichtet worden seien, so die Münchner Anwälte, müsse man die tatsächlichen sexuellen und körperlichen Gewalttäter nochmals viel höher ansiedeln.

Desinteresse an Missbrauchsstrukturen

In Regensburg schaute man nicht so genau hin. Der dortige Generalvikar Michael Fuchs orientierte sich in seinem Bericht vom März 2011 ausschließlich allein an den strafrechtlich geahndeten Fällen. Von juristisch nicht geahndeten Altfällen, von unvollständigen und sicherlich in großem Umfang vernichteten Akten und daraus abzuleitenden Dunkelziffern weiß er nichts zu berichten. Fälle wie die des oben geschilderten „Domspatzen“ Franz M. nahm der Generalvikar offensichtlich überhaupt nicht auf.

Verschleiernder

Mischung aus persönlicher Verstrickung, Betriebsblindheit und klerikalem Standesschutz: Generalvikar Michael Fuchs. Foto: Archiv/ as

Strukturelle Missstände vermochte der Regensburger Bericht nicht zu erkennen, Selbstkritik nicht üben und Konsequenzen nicht zu ziehen. Pikant: Fuchs war bereits unter Bischof Gerhard Ludwig Müller Generalvikar und behandelte sozusagen seine eigene Vertuschungspraxis. Eine Mischung aus persönlicher Verstrickung, klerikalem Standesschutz und Betriebsblindheit vermag freilich keine Dunkelziffer mehr erkennen.

Dies ist insofern bemerkenswert und besonders problematisch, da den Generalvikaren, so ein zentrales Ergebnis des Münchner Berichts, hinsichtlich des Umgangs mit sexuellem Missbrauch noch vor den Bischöfen eine ganz zentrale Rolle zukomme. In München wurde der langjährig in Vertuschungen von Missbrauchstätern verstrickte Generalvikar Gerhard Gruber schon im Januar 2010 von dem jungen unbelasteten Theologen Beer ersetzt. Beer nahm die katastrophalen Untersuchungsergebnisse der externen Anwälte zum Anlass für eine Verwaltungsreform im Ordinariat. So zumindest sein Statement bei der Vorstellung des Berichts im Dezember 2010.

Desinteresse am Opferschicksal

Erschüttert zeigten sich die Münchner Anwälte über das Ausmaß der „Nichtwahrnehmung der Opfer, ihrer körperlichen und insbesondere seelischen Verletzungen“. Sie konstatieren ein „gänzlich unterentwickeltes Interesse für das Tatgeschehen“, ein krasses „Desinteresse gegenüber dem Opferschicksal“ und die „fehlende Bereitschaft, sich den damit einhergehenden Konflikten zu stellen.“ Die gleichzeitig vorgefundene „inadäquate Fürsorge für den jeweiligen Täter“ und einer weitaus schärfere Gangart bei nicht-geistlichen Tätern, sprich Laien, rundet das gruslige Bild ab.

Wer sich mit den Regensburger Vorfällen und deren Vertuschung, den priesterlichen Serientätern, die das dortige Ordinariat von Missbrauchsort zu Missbrauchsort einfach weiter versetzt hatte, den Vorgängen unter Domkapellmeister Theobald Schrems, usw., usf. je beschäftigte, weiß, dass diese verheerende Bilanz auch für Regensburg gilt.

Homosexualität und erpressbare Kleriker

Zentral für den vertuschenden und höchst problematischen Umgang seien zudem – so das Münchner Gutachten weiter – das klerikale Selbstverständnis eines „brüderlichen Miteinanders“ und ein daraus resultierender „rücksichtsloser Schutz des eigenen Standes“ auf Kosten der Opfer. Als weiteres massives Aufklärungshindernis nennt das Gutachten „homosexuell veranlagte Kleriker, die mit Blick auf die kirchlichen Lehren zur Homosexualität und Priestertum bedauerlicherweise einem besonderen Erpressungspotential unterliegen“. Und – so der Aktenbefund – tatsächlich auch erpresst worden seien.

Da von den Gutachtern mit der Verleugnung und Ächtung von homosexuellen Sexualpraktiken innerhalb der katholischen Geistlichkeit eine bistums- ja länderüberschreitende Problematik angesprochen wird, kann man getrost davon ausgehen, dass diese auch im Regensburger Ordinariat eine gewichtige Rolle spielte und spielt. An dieser Stelle brauchen also die in der Stadtgesellschaft weit verbreiteten, zumeist homophob aufgeladenen Reden über hochrangige homosexuelle Herren im Ordinariat nicht wiedergeben werden. Wohl gemerkt: Missbrauch von Minderjährigen und Schutzbefohlenen ist primär weder Ausdruck einer homo- noch einer heterosexuellen Orientierung, sondern gewalttätige Manifestation einer gestörten und unreifen Persönlichkeit, die nicht nur im klerikalen Umfeld sondern oft auch in anderen gesellschaftlichen Kontexten geduldet, beschönigt und verschwiegen wird. Oder eben nicht.

Fehlende Glaubwürdigkeit

Bei der Vorstellung des Münchner Gutachtens im Dezember 2010 versprach Kardinal Marx größtmögliche Transparenz bei der Aufarbeitung der Missbrauchsstrukturen. Zutreffend sah er seine Glaubwürdigkeit als Diözesanbischof und die der katholischen Kirche massiv verletzt. In Regensburg kann die Glaubwürdigkeit der Diözesanführung kaum mehr tiefer sinken. Der seit über einem Jahr amtierende Missbrauchsbeauftrage des Bistums Regensburg Dr. Martin Linder, der in der Wiedergewinnung von Glaubwürdigkeit eine wichtige Funktion hätte, schreibt in seinem ersten Jahresbericht vom November 2014, dass „sich nur eine Minderzahl der Opfer an die Diözese“ wende. Wie viele Betroffene es tatsächlich waren und aktuell sind, schreibt Linder nicht.

Linder möchte Betroffene ermutigen, sich an ihn zu wenden und bittet um ihr Vertrauen. Auch und gerade wenn man Linder diese Bitte und seine Empathie gerne abnehmen möchte, bleibt unverständlich, warum er nicht öffentlich für eine externe Untersuchung der sexuellen und körperlichen Übergriffe in der gesamten Diözese – nicht nur bei den „Domspatzen“! – eintritt. Nur so könnte eine eigene Glaubwürdigkeit (wieder) aufgebaut werden.

Im Zweifel gegen die Betroffenen?

Wirbt um Vertrauen bei den Opfern: der Missbrauchsbeauftragte Dr. Martin Linder. Foto: pm

Wirbt um Vertrauen bei den Opfern: der Missbrauchsbeauftragte Dr. Martin Linder. Foto: pm

Völlig unverständlich ist, dass Linder als Ansprechpartner von Betroffenen bei eventuell nicht aufzulösenden Widersprüchen – wenn „Aussage gegen Aussage steht“, wie er meint – nicht unmissverständlich und öffentlich dafür eintritt, dem Betroffenen und eben nicht dem mutmaßlichen Täter Glauben zu schenken. Wäre im „Fall Auer“ die Schilderung des Betroffenen ausschlaggebend gewesen, wäre Georg Auer nicht re-traumatisiert worden und das Ordinariat hätte diese Causa nicht noch einmal aufrollen müssen, wie neulich angekündigt.

Indes gilt auch hier: Die Anerkennung der Schilderung eines Betroffenen bedeutet nicht, dass damit die Täterschaft einer bestimmten Person tatsächlich oder juristisch festgestellt wird. Hinzu kommt, dass der von Linder auf Plausibilität zu prüfende Antrag auf Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde (so der verschraubte Titel), von einem Betroffenen mit einer „Versicherung an Eides Statt“ gestellt werden muss und bei wahrheitswidrigen Angaben eine strafrechtliche Verfolgung angedroht wird. Dergleichen wird von anderen Fonds nicht gefordert und dürfte für viele labile und verunsicherte Missbrauchsopfer eine abschreckende Hürde darstellen.

Verschleiernde Anerkennungs- und Abweisungspraxis

Überaus befremdlich ist, dass Linder sich in seinem Jahresbericht von November 2014 für die verschleiernde Zahlenspielerei des Generalvikars Fuchs hergibt. So kolportiert Linder in seinem Bericht die widersprüchlichen Zahlen des Generalvikars, der noch im März 2011 eine größere Anzahl von Opfern von sexuellen Übergriffen angab als im November 2014. Zugleich verbreitete Fuchs via Linder eine höhere Anzahl von verurteilten und Ermittlungen unterworfenen geistlichen Tätern als noch im Jahre 2011. Fuchs steht im Zentrum der Vertuschung und Verschleierung, er hat im „Zweifel“ für die Täter und gegen die Betroffenen entschieden und die entsprechenden seriellen Briefe unterzeichnet.

Linder stützt darüber hinaus die verschleiernde Praxis des Generalvikars Fuchs, wenn er dessen Angabe von 30 positiv beschiedenen Anerkennungsverfahren kolportiert, ohne zugleich mitzuteilen wie viele Anträge mit welcher Begründung abgelehnt wurden und wie viele Betroffene sich überhaupt beim bischöflichen Ordinariat gemeldet haben.

Wie waren die Verhältnisse speziell bei den Domspatzen oder beispielsweise in den Einrichtungen der KJF? Das würden die geneigte Öffentlichkeit oder Eltern von potentiellen „Domspatzen“ gerne erfahren!

Was tun?

Robert Köhler, einer der Vorstände der Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer e.V., spricht nach dem Anschauen der eingangs genannten ARD-Sendung „Sünden an den Sängerknaben“ vom „Stadium der Kampfphase“. Auf Nachfrage erklärt er, eine solche habe es anfangs auch in Ettal gegeben. Sie habe knapp ein Jahr gedauert, bis die Führung und Mönche des Klosters die systematischen körperlichen Misshandlungen und sexuellen Übergriffe im Ettaler Internat grundsätzlich zugegeben und Verantwortung übernommen haben. Die danach entstandene Kommunikation zwischen Klosterführung, Tätern und Betroffenen wäre ohne das vielfältige Engagement von fachkundigen und unabhängigen Mediatoren nicht möglich gewesen.

Bei der Leitung der Regensburger Diözese und der Domspatzen vermisse er, so Köhler, das „Anerkennen des Versagens ihrer Organisation“ und den erkennbaren Willen zur vorbehaltlosen Aufarbeitung.

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Kommentare (14)

  • Bistum im „Stadium der Kampfphase“ | netzwerkB

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    […] Anlässlich des ARD-Films von Mona Botros „Sünden an den Sängerknaben“ vom 7. Januar berichtet Franz M. (Name geändert) unserer Redaktion von seiner leidvollen Geschichte als „Domspatz“. Sowohl von den „brutalen Erziehungsmethoden“ als auch von den sexuellen Übergriffen. Beides musste Franz M. über Jahre hinweg am eigenen Leib erleiden. Nebenbei bestätigt er die Verhältnisse im Domspatzen-Internat: Es sei „wirklich so gewesen“, wie es in der ARD von Georg Auer, Udo Kaiser und Alexander Probst eindrücklich geschildert werde. Selbst einer seiner Peiniger wurde in der ARD-Doku kurz thematisiert, dessen Gerichtsakte von 1959 gezeigt. Weiter lesen… […]

  • Prediger iW

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    Der Papst forderte: die Katholiken sollen sich nicht wie die Karnikel vermehren und meinte auch damit, dass Mann seine Begierde im Zaum halten können soll. Er wird wohl wissen warum er es gesagt hat (Jesaia 40,3)
    Seine frommen Gottesmänner und katholischen Gesangslehrer hatten und haben sich nicht im Griff und verusach(t)en viel Leid. Ich möchte kotzen.

  • escortboy_xxl

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    Dass in eben diesem Haus ( Orleansstraße 2 ) die katholische „Jugendfürsorge“ ihr Lager aufgeschlagen hat, kann man als exemplarisch für den Umgang des Bistums mit der Problematik sehen.

  • Rolf Meyer

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    Wer konnte denn ernsthaft erwarten, dass von einem erzkonservativen Bischof vom Kaliber Müller (heute Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan, die die Nachfolgerin der früheren Inquisition ist) Hilfe für die Opfer kommen würde. Dieser Mann hat auch die mediale Aufdeckung der skandalösen Missstände im Bistum Limburg, die der damalige offenbar vom Luxuswahn befallene Bischof Tebartz-van Elst zu vertreten hat, bis zuletzt als eine Kampagne gegen die Katholische Kirche verteufelt.

    Ich bin immer noch Mitglied der Katholischen Kirche. Angesichts solcher „Würdenträger“ fällt es mir allerdings schwer, das auch zu bleiben. Die Prunk- und Herrschsucht der Kirchenoberen ist in Teilen geradezu abstoßend. Immer öfter frage ich mich, warum ich diese Organisation noch mit meiner Kirchensteuer unterstütze, die ich besser direkt einem sozialen Zweck zuführen würde.

  • Michael Dietz

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    Ein Artikel im aktuellen Spiegel auf Seite 36/37 findet deutliche Worte zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in den deutschen Bistümern: „Täter hinter den Tätern“. Leider nicht vollständig online:
    https://magazin.spiegel.de/digital/?utm_source=spon&utm_campaign=centerpage#SP/2015/5/131463441

    „Der Kernfehler ist, dass die Kirche ihren eigenen Missbrauchsskandal behandelt.“ Das trifft auf die Bistümer Trier und Limburg gleichermaßen zu wie auf Regensburg. Gleiche bekannte Strukturen überall.

  • Veronika

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    Ich habe mir erlaubt den Artikel noch einmal genauer zu lesen. In Ettal und München wurde sicher besser aufgeklärt. Es bleibt aber, dass sich der Erzbischof v. Mü/Fr, also der Vorsitzende der Bayer. Bischofskonferenz bewusst nicht mit seinem Regensburger Kollegen in Verbindung setzt und hier Korrektheit anmahnt. Machte also EB Marx nur deshalb etwas/ mehr, um Vorsitzender der Europ. Bischofskonferenz werden zu können?
    Augenwischerei oder totale Unabhängigkeit aller deutschen Diözesen voneinander?
    Im Verkünden des Wortes Gottes und im Blick auf die Kirchensteuer ist man sich aber doch wieder einig?

  • Veronika

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    Kommentar gelöscht. Bitte okkupieren Sie nicht mit massenhaften Kommentaren, die vielleicht noch am Rande mit dem Thema zu tun haben immer wieder jedes Forum. Das gilt auch für Angelika Oetken.

  • Veronika

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    Liebe Redaktion,

    tut mir leid, aber dann ist es wohl beser, wenn ich zukünftig ganz fern bleibe. Es scheint, dass meine kirchenkritischen Kommentare nicht mehr passen, wie auch Frau Oetkens Kommentare nicht mehr passen, weil die RKK sicher ungeheuren Druck ausübt.
    Tschüss

  • Stefan Aigner

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    @Veronika Da liegen Sie falsch. Wegder wegen Ihrer noch sonstwelcher Kommentare übt jemand Druck aus. Das Problem ist, dass sowohl Sie wie Frau Oetken häufig glauben, jedweden Kommentar kommentieren zu müssen und dabei immer wieder (dieselben) Themen episch ausbreiten, die mit den Artikeln nichts zu tun haben.

  • Angelika Oetken

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    „Das Problem ist, dass sowohl Sie wie Frau Oetken häufig glauben, jedweden Kommentar kommentieren zu müssen und dabei immer wieder Themen episch ausbreiten, die mit den Artikeln nichts zu tun haben“

    @Stefan Aigner,

    wie viele die verschiedenen Themen miteinander zu tun haben, bemerkt man, wenn man die verschiedenen Tatorte miteinander vergleicht.

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

    P.S. ich kann mir vorstellen, dass es häufig mühsam für Sie ist, die vielen Kommentare lesen zu müssen.
    Und ich kann Sie beruhigen: in der folgenden Woche habe ich sehr viel zu tun und werde eher wenig zum Kommentieren kommen. Aber hier geht es ja eh hoch her

  • Resch

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    @ Angelika Oetken ,
    @ Veronika ,
    also , ich lese von beiden wirklich alle Kommentare , und ich finde auch alles OK!

  • Bernd Lauert

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    Ich frage mich wann endlich die Patres da sitzen wo sie hingehören: Auf der Anklagebank und dann in der JVA.
    Es kann doch nicht sein das diese Typen immer noch frei herumlaufen und Opfer bis heute um Anerkennung und Entschädigung kämpfen müssen!

  • Haimo

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    zu : Franz M. (Name geändert)
    Ich habe mich ebenfalls wie Franz M. (Name geändert) beim Bistum Regensburg in Folge der Ausstrahlung des TV Films gemeldet , wurde aber von der RKK nicht ernst genommen . Grund waren 10 Vorfälle , die ich in Etterzhausen erleben musste . Nach 25 mails mit der Mißbrauchsbeauftragten gestand man mir folgendes zu : Hr. Voderholzner besucht mich in München und wird sich persönlich zu den Anschuldigungen äussern . Als Belege dazu kann ich mehrere mails , ein Gespräch auf dem AB mit der Mißbrauchsbeauftragten Fr. Glaß Hoffmann und den persönl . Kontakt mit Ihr in ST. Rita ( München ) anführen . Statt dessen flattert mir eines Tages ein Standartschreiben ins Haus , mit dem Angebot einer Anerkennungsleistung . Ich machte mir zu diesem Zeitpunkt berechtigte Hoffnungen , daß ein hoher Würdenträger der RKK zu seinem Wort steht und wurde bitter entäuscht . Die Kirche denkt gar nicht daran mit ihrer dunklen Vergangenheit reinen Tisch zu machen . Im Gegenteil findet noch heute ein krimineller Schweinepriester ( Meier ) in geweihter Erde seine letzte Ruhestätte . Die RKK hat ihm seinerzeit noch den Ehrentitel Monsigniore verliehen , der auf seinem Grab zu finden ist , post mortem wurde der nicht aberkannt . Als Betroffener kann ich das nur in dem Sinne deuten , dass das Bistum die damaligen Vorfälle auch heute noch positiv bewertet .

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