SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für Juni, 2010

Mit 13 hat er zum ersten Mal die Mittelbayerische Zeitung verteilt. Später arbeitete Thomas Reitemeyer mal als Fahrer, mal als Austräger für die Presse-Zustellgesellschaft Oberfalz (PZO) – Logistiktochter des MZ-Verlags, an der auch der Neue Tag in Weiden beteiligt ist. Reitemeyer ist einer von knapp 3.600 Beschäftigten in dem Unternehmen. Von den Arbeitsbedingungen hat der 35jährige seit längerem „die Schnauze voll“.

An MZ-Verlagschef Peter Esser hat Reitemeyer deshalb einen Brief verfasst, in dem er Missstände bei den Austrägern und Fahrern anprangert. Nachdem Esser einen Termin für eine persönliche Übergabe abgelehnt hatte, warf Reitemeyer das Schreiben bei den Essers in den Briefkasten und leitete es als offenen Brief an die Medien weiter.

Der Tonfall ist aufgebracht, stellenweise erschüttert. Reitemeyer spricht von einem „Moloch der Ausnutzung und Menschenfeindlichkeit“. „Die Angestellten werden nur noch als Humanressourcen und Kostenfaktor betrachtet“, heißt es weiter. „Den Kostenfaktor gilt es hier zu minimieren.“ Als Beleg für dieses „Lohndumping“ bei den Trägern führt Reitemeyer eine Bezahlung von 2,50 Euro pro verteiltem MZ-Abo im Monat an. Bei neueren Verträgen sei die Vergütung noch niedriger. Vor 14 Jahren habe ein Austräger bereits 4,90 DM pro Abo erhalten, allein inflationsbereinigt müsse der aktuelle Lohn eigentlich bei über drei Euro liegen, fordert Reitemeyer. Gespart werde auch an anderer Stelle: „Sie nötigen Ihre Leute, sechs Tage die Woche zu arbeiten und geben ihnen dafür nur den gesetzlichen Mindesturlaub von 24 Tagen.“

Die Bezahlung für Prospektverteilung sei „ein Witz“, schreibt Reitemeyer, ohne Zahlen zu nennen. „Es wird keinerlei Arbeitsmaterial und Schutzkleidung gezahlt.“ Von „ewigen Druckverspätungen“ ist die Rede, die zu unzumutbaren Wartezeiten für Träger führten. Reitemeyer macht dafür vor allem das neue Druckzentrum verantwortlich. In den Betriebsrat hat er nur wenig Vertrauen. Dessen Vorsitzender sei „zu sehr in die (…) Firmenpolitik der Gewinnmaximierung um jeden Preis eingebunden“. „Unabhängig ist er in jedem Fall nicht, sonst hätte er nicht als Unternehmer bei Ihnen fungiert“, so Reitemeyer in Richtung Peter Esser.

Heftige Vorwürfe erhebt Reitemeyer auch im Hinblick auf die Behandlung der Fahrer, die tagtäglich die MZ ausliefern. Ein Teil der auszuliefernden Prospekte werde nicht bezahlt; das Gewicht sei oft so hoch, dass Überladung der Fahrzeuge drohe. Manchmal müssten Strecken deshalb doppelt gefahren werden. Eine Kontrollwaage sei im Betrieb ohnehin nicht vorhanden. „Das ist vom Verleger eine Fahrlässigkeit, die auf Kosten der Fahrer geht.“ Ebenso fehlten Packtische, das Packsystem an sich sei unzuverlässig, der generelle Arbeitsablauf beim Verladen unübersichtlich, der Informationsfluss völlig unzureichend und Verantwortliche meist nicht erreichbar. Immer wieder komme es auch hier zu Verzögerungen, Fehlern und langen Wartezeiten. All dies führe zu „einem schlechten Klima“ zwischen Fahrern und Austrägern. „Dies ist anscheinend vom Verleger gewollt.“

Post der MZ-Tochter Citymail müsse von den Fahrern ohne Bezahlung ausgeliefert werden. „Ihre initiierte Konkurrenz zur Post nutzt die Fahrer der Mittelbayerischen Zeitung als Gratis-Transport für Citymail aus“, schreibt Reitemeyer. Ohnehin sei die Bezahlung der Fahrer „eine Farce“. Reitemeyer spricht von „circa 48 Cent“ pro Kilometer, „je nach Unternehmer und Gutdünken des Geschäftsführers“. Bei einem Subunternehmer sei ihm ein Fall bekannt, in dem die Bezahlung bei 33 Euro für 108 Kilometer Fahrstrecke gelegen habe. „Sie unterstützen hier moderne Sklaverei.“ Angesichts all dessen herrsche bei dem Logistikunternehmen der MZ ein denkbar schlechtes Betriebsklima. „Sie erzeugen damit Leute, die Rad fahren: Nach oben buckeln, nach unten treten und am besten alles, was auf einen zurückkommen könnte, vertuschen oder einem anderen in die Schuhe schieben.“

„Sehr geehrter Herr Esser, diese Punkte gebe ich Ihnen als Hausaufgabe zur Verbesserung in Ihrem Betrieb“, schreibt Reitemeyer am Ende. „Es gibt hier nichts zu rechtfertigen, man kann sich hier auch nicht rausreden. Dieses Schreiben zu ignorieren, wäre ein Verstoß gegen die Menschlichkeit.“ 31 Mitarbeiter will Reitemeyer befragt haben, um diese Missstände zusammenzutragen.

Weist die Vorwürfe als „Spekulationen“ zurück – Verlagschef Peter Esser. Foto: IHK

In einer eher allgemein gehaltenen Stellungnahme weist Verlagschef Peter Esser die Vorwürfe Reitemeyers als „Spekulationen“ zurück, „die entweder nachweislich jeder Grundlage entbehren oder aber nicht seriös begründet werden können“. Verzögerungen bei einer neuen Druckmaschine seien nicht vermeidbar, Fahrer wie Austräger würden für Wartezeiten entschädigt. Seit Jahren arbeite man „konstruktiv und vertrauensvoll“ mit den Betriebsräten und Gewerkschaften zusammen.

„Angesichts der hohen Zahl von Angestellten und Mitarbeitern in den Logistik- und Vertriebstöchtern des MZ-Verlags müsse man „sowohl die Wirtschaftlichkeit wie auch die Arbeitsbedingungen im Auge haben“, so Esser. „Dass dies auch eine Gratwanderung sein kann, liegt auf der Hand, wird aber von uns seit Jahrzehnten mit Augenmaß verfolgt. Die hohe und testierte Qualität unserer Zustellung wäre mit unmotivierten Mitarbeitern und schlechter Ausstattung auch gar nicht erreichbar.“

Abschließend verweist Peter Esser auf die „großen Anstrengungen“, um den Mitarbeitern die „verdiente Wertschätzung entgegenzubringen“, die Sorge um Pensionisten und in Not geratene Mitarbeiter sowie das soziale Engagement des MZ-Verlags. „So agiert kein Unternehmen, das nur auf Rendite und sozialen Kahlschlag aus ist.“ Mit Reitemeyers Brief werde man sich „intern weiterbeschäftigen“.

Das Schreiben von Thomas Reitemeyer als PDF

Die Stellungnahme von Verlagschef Peter Esser als PDF

Bericht von einer Teilbetriebsversammlung der MZ-Austräger

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Ein prima Werbespot und Leise-ist-schön-Lollis

Regensburg zu später Stunde. In den Hauptrollen: Zwei Menschen, „die jeder cool findet“ und „das schützenswerteste Wesen überhaupt“, ein Baby. Es ist ein 47 Sekunden langer Spot von Regisseur Peter Schröder, mit der die städtische Kampagne „Leise ist sch …“ in die nächste Eskalationsstufe geht. Bei einer Pressekonferenz im Szene-Lokal „Heimat“ wirbt Sozialbürgermeister Joachim Wolbergs um Unterstützung für das Projekt, mit dem „gegenseitiges Verständnis geweckt“ und ein „Bewusstseinswandel“ in der Regensburger Altstadt angestoßen werden soll.

Magerer Auftakt der Bildungsproteste

Es war mit eines der größten Polizeiaufgebote bei den Demos für eine bessere Bildungspolitik in diesem und im letzten Jahr. Unnötig groß für die etwa 300 Schüler und Studenten, die am Mittwoch durch die Regensburger Innenstadt zogen. Ein Demonstrant, der mit seiner Kamera filmende Polizeibeamte seinerseits filmte, wurde kurzfristig eingekesselt.

„Zu faul oder unfähig“

Knapp zwei Jahre ist es her, dass Stadtrat und Stadtverwaltung Regensburg ein Bauvorhaben in der Von-Brettreich-Straße in der Nähe der Bischofshof-Brauerei erfolgreich verhindert haben. Investor Ferdinand Schmack wollte dort – erstmals 2005 – mehrere Wohngebäude errichten. „Nicht genehmigungsfähig“, lautete das Urteil der Stadtverwaltung. Am Dienstag wurde nun doch eine Genehmigung erteilt – für einen anderen Investor und unter einigen Ausfälligkeiten des Oberbürgermeisters.

Dreckige Waffen, deutsches Geld

Dass Kapital keine Moral hat, ist nicht wirklich etwas Neues. Dass diverse deutsche Banken auch mit Streumunition gutes Geld verdienen eher schon. Aktuelle Recherchen von Nichtregierungsorganisationen unter dem Dach der „Cluster Munitions Coalition“ (CMC) belegen: Die Deutsche-Bank-Tochter DWS investiert in mehrere ausländische Firmen, die Streumunition produzieren oder verkaufen. Trotz des seit Juni 2009 gültigen Verbots, das jeglichen Umgang mit Streumunition untersagt. Das berichtet am Montag das ARD-Magazin Report Mainz. „Wer DWS-Fonds erwirbt, muss damit rechnen, an Herstellern von Streumunition beteiligt zu sein“, so Thomas Küchenmeister vom Aktionsbündnis Landmine.de.

Dreifaltigkeit, Drogen und der Hackl Schorsch

„Eckert Beach“ steht in knalligen Buchstaben am Eingang des „Beach Clubs“, hoch über den Toren von Regenstauf. Im beschrankten Zugangsbereich der Eckert-Schulen wurde das Regenstaufer Freibad vor drei Jahren zur Strandbar mit Ballermann-Feeling umfunktioniert. Weißer Sand vom Monte Kaolino, eine künstliche Lagune, Strandhäuschen und Mietinselchen prägen das Bild. Die Sonne knallt vom Himmel, Menschen schieben sich mit bunten Cocktails und Bier am Pool vorbei oder fläzen in weißen Liegestühlen. Hans Söllner, der am Freitagabend mit Band auf der Bühne steht, wirkt – wenigstens am Anfang – wie zufälliges Animationsprogramm in einem All-Inklusive-Hotel.

Überraschung vom Bundes-Horst: Krieg ist Wirtschaftsinteresse

Während die versammelte Medienwelt so tut, als wäre das ganze Staatsvolk ob dieses Verlusts von tiefer Trauer befallen, hat Köhlers Rücktritt und die damit verbundene Diskussion über seine Person einen ganz angenehmen Nebeneffekt: Darüber, was er gesagt hat, wird so gut wie überhaupt nicht mehr diskutiert. Was die Aufregung darüber soll, muss man sich schon fragen. Seine Sicht der Dinge ist die angestrebte politische Doktrin in Deutschland, aber auch Europa.

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